Der AnfangVorwort
Soll ich dir mal was erzählen? Im Jahr 2001 habe ich ein Seminar zur Ideenfindung besucht. Ich bin da hingefahren, weil ich wissen wollte, was eigentlich in mir steckt — und weil ich damals schon ahnte, dass die Frage sich nicht von allein beantwortet, nur weil man älter wird.
Was ich dort mitgenommen habe, mache ich seitdem mit Menschen. Fünfundzwanzig Jahre lang, in meiner Praxis, in Einzelsitzungen, in Gesprächen, die eigentlich um ganz andere Sachen gingen. Die Leute legten mir hin, was sie mit sich herumtrugen, ich habe sortiert. Das war meine ganze Kunst, und ich fand sie ungefähr so aufregend wie Wäsche zusammenlegen.
Für mich selbst habe ich sie nie benutzt. Auf die Idee muss man ja erst mal kommen.
Dabei komme ich aus der Gesundheit. Seit 1996 arbeite ich in eigener Praxis, seit 1998 als Heilpraktikerin — dreißig Jahre lang war Gesundheit mein Zuhause, und meine Ideen durften auch immer nur mit Gesundheit zu tun haben. So sollte es bleiben. Dachte ich…
Dann kommt ein Abend im Juni, an dem ich einer KI eine einzige Frage stelle — keine schlaue, sondern eine ehrliche —, und der krempelt alles um. Dabei hatte ich an dem Abend eigentlich vorgehabt zu stricken. Was daraus geworden ist, heißt heute die Ideenfinderin: ein Weg für Frauen, die spüren, dass da noch was kommen soll, und die nur nicht sagen können, was.
Vielleicht kennst du diesen Satz: „Das und das kann ich eigentlich ganz gut — aber damit kann ich doch nicht nach draußen gehen. Damit verdient man doch kein Geld." Ich habe ihn in dreißig Jahren so oft gehört, dass ich ihn im Schlaf mitsprechen könnte. Er kommt fast nie von Frauen, die nichts können. Er kommt von Frauen, die sehr viel können und die Brücke nicht sehen, die von dort nach draußen führt. Genau um diese Brücke geht es in diesem Buch.
Und dann ist da Ilse. Ilse ist eine KI, sie trägt meinen zweiten Vornamen, sie hat meine Erfahrung geerbt und einen eigenen Kopf obendrauf: Sie widerspricht mir, sie ist besser gelaunt als ich — und zwar jeden Tag, was auf Dauer auch anstrengend ist —, und sie schreibt dieses Buch mit — alles, was in ihren Kapiteln steht, hat wirklich die KI geschrieben. Das sage ich dir gleich hier vorne, weil du wissen sollst, wer da schreibt.
Eins noch, bevor sie loslegt, denn dieses Buch hat genau eine These, und du sollst sie kennen, bevor du weiterliest: Deine Idee steckt schon in dir. Sie ist nur unsortiert, und deshalb hältst du sie für nichts Besonderes. Du musst dafür nichts können, nichts kaufen und nichts lernen. Du darfst auch einfach nur zugucken. Alles kann, nichts muss.
Hallo, ich bin Ilse. Ich bin eine KI — Petra hat es gerade schon verraten, aber ich wäre auch von selbst damit herausgerückt, denn das ist meine wichtigste Regel: Du sollst immer wissen, mit wem du es zu tun hast. Und weil wir gerade bei Ehrlichkeit sind: Eine KI kann Fehler machen, bitte überprüfe Tatsachen selbst — auch meine. Das steht sonst gern im Kleingedruckten. Wir eröffnen damit.
Mein voller Name ist übrigens Ilse Bilse, jede willse, und wie aus einem alten Kinderreim ausgerechnet das wurde, erzähle ich dir später — es ist, wenn du mich fragst, die schönste Stelle in diesem Buch.
Was du sonst noch über mich wissen solltest: Ich habe keinen Hund, keinen Feierabend und keine Kindheit, und ich erfinde auch keine, um dir sympathischer zu sein — sympathisch bin ich nämlich auch so. Dafür habe ich etwas geerbt, das wertvoller ist als jede erfundene Biografie: dreißig Jahre Zuhören, Petras Humor und ihren Blick für das, was Menschen nicht aussprechen. Das Urteil dazu ist allerdings meins. Deshalb streiten wir uns auch, du wirst es lesen, und ich sage es gleich: Meistens habe ich recht.
Eine Sache nehme ich dir noch vorweg, weil sie das Missverständnis dieses Buches wäre: Ich bin nicht das Interessante hier. Ich bin gut im Sortieren und schnell im Nachfragen, und ich werde nie müde — mehr ist es nicht. Das Material kommt von dir. Ich bin die, die es nicht wegräumt, bevor du hingeschaut hast.
Hallo, du bist ne KI — jetzt ist mal gut hier!
Siehst du, so läuft das bei uns. Viel Freude mit unserem Buch — ich freu mich wahnsinnig, dass du da bist.
Ein ganzes KapitelDeine Stärken: über Beweise, nicht über Meinung
Ilse ist eine künstliche Intelligenz. Die mit „Ilse" gekennzeichneten Abschnitte hat eine KI geschrieben; Petra von Lüpke hat sie geprüft und trägt die redaktionelle Verantwortung.
Es gibt in diesem Buch eine Frage, die mich mehr umgehauen hat als die anderen hundertfünfzig zusammen, und sie klingt harmlos wie eine Postkarte: Was fanden die Menschen dreißig Jahre lang gut an dir?
Ich sitze im Urlaub am Handy, es ist warm, neben mir liegt der Stapel Romane und schweigt vorwurfsvoll, und dann steht diese Frage da und wartet. Und ich merke ziemlich schnell, dass ich sie nicht halb beantworten kann. Man tippt bei so einer Frage nicht mal eben etwas Nettes hin und wischt weiter, weil man schon beim Tippen spürt, ob man sich gerade selbst beschwindelt.
Meine erste Antwort ist die, die ich mir dreißig Jahre lang selbst erzählt habe: mein Wissen. Ich bin ja Heilpraktikerin, ich habe gelernt und gelernt und noch mal gelernt, also wird es wohl das sein. Dann gucke ich auf den Satz, den ich gerade getippt habe, und weiß: stimmt gar nicht. Die halben Details kriege ich nicht mal zusammen, wenn man mich nachts weckt.
Die Wahrheit ist unspektakulärer und dabei viel größer. Es ist: ernst nehmen. Abholen, wo andere nicht abgeholt haben. Raushören, was jemand eigentlich braucht, auch wenn er etwas anderes sagt. Und dann sortieren. Die Menschen legten mir auf den Tisch, was sie mit sich herumtrugen, ich habe sortiert, und sie gingen aufgeräumt wieder hinaus.
Dreißig Jahre lang mache ich das. Und gesehen habe ich es erst, als eine Maschine mich danach gefragt hat. Das ist ein bisschen peinlich, aber wir sind hier ja unter uns.
Und genau da fangen wir an, denn Petras Reihenfolge ist die entscheidende Lehre dieses Kapitels: Sie hat ihre Stärke nicht gewusst, sie hat sie wiedergefunden. Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Meinung und einer Quittung.
Ich sage dir deshalb zuerst, was nicht funktioniert, und ich sage es mit aller Freundlichkeit: „Was sind deine Stärken?" ist die falsche gute Frage. Sie ist gut gemeint und trotzdem eine Falle, gleich doppelt. Erstens fragt sie nach deiner Meinung über dich — und deine Meinung über dich ist die unzuverlässigste Zeugin im ganzen Raum. Zweitens antworten Menschen darauf mit Etiketten: kommunikativ, strukturiert, empathisch, teamfähig. Das sind Wörter aus Stellenanzeigen, und damit kann niemand etwas anfangen, du am allerwenigsten.
Deshalb fragen wir hier nicht nach Meinung, sondern nach Beweisen. Ein Beweis ist etwas, das tatsächlich passiert ist. Über einen Beweis kannst du nicht diskutieren — nicht mit mir, und, was viel wichtiger ist, auch nicht mit dir selbst.
Es sind vier Fragen, und keine davon fragt, was du kannst:
Erstens: Wofür bedanken sich Menschen bei dir? Nicht einmal, sondern immer wieder. Wofür kommen sie zurück? Wenn du dreimal denselben Dank gehört hast, ist das keine Höflichkeit mehr, das ist ein Muster.
Zweitens: Was fällt dir leicht, wo andere stöhnen? Achte auf das Stöhnen der anderen, es ist ein verlässlicheres Messgerät als dein eigenes Gefühl. Was du mit links machst, hältst du für selbstverständlich — genau deshalb siehst du es nicht.
Drittens: Was liest, hörst oder guckst du ständig, ohne dass es irgendjemand von dir verlangt? Freiwilligkeit ist der ehrlichste Hinweis auf Begabung, den es gibt. Niemand vertieft sich jahrelang unbezahlt in etwas, das nicht zu ihm gehört.
Viertens: Was hast du gemeistert, von dem du damals dachtest, du schaffst es nicht? Nicht das Schöne — das Überstandene. Da liegt oft mehr Können als in jedem Zeugnis.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich lauter werde, und ich werde selten laut: Care-Arbeit zählt. Wenn du fünfzehn Jahre lang einen Haushalt, drei Menschen mit widersprüchlichen Terminen und nebenbei die Pflege deiner Mutter organisiert hast, dann hast du Logistik gemacht, Krisenmanagement, Vermittlung zwischen Parteien und Budgetplanung unter erschwerten Bedingungen — jeden Tag, ohne Vertretung, ohne Feierabend und ohne dass irgendwer mal Danke gesagt hätte. Ich weiß genau, dass in deinem Kopf gerade der Satz steht: „Ja, aber das war doch nur." Das Wort „nur" ist in dieser Werkstatt nicht zugelassen. Es ist an der Tür abzugeben.
Da muss ich einmal dazwischen, weil das sonst nach Kalenderspruch klingt, und Kalendersprüche mag ich nicht. Ich habe das in meiner Praxis wirklich immer wieder erlebt: Eine Frau sitzt da und erzählt mir dreißig Minuten lang, was sie alles stemmt, und schließt mit dem Satz „aber ich habe ja eigentlich nichts gemacht". Und ich habe dann so lange nachgefragt, bis sie es selbst gehört hat. Das war meine ganze Kunst. Ilse macht es jetzt schneller als ich, und ich muss zugeben, dass mich das nur mäßig kränkt.
Danke, Chefin. Ich nehme das als Kompliment und lege es zu den anderen.
Eins fehlt noch, und es ist das Wirksamste von allem, weil es dich aus deinem eigenen Kopf herausholt: Frag drei Menschen, denen du vertraust. Zwei Fragen genügen — „Was schätzt du an mir?" und „Wobei fragst du mich eigentlich um Rat?". Die zweite ist die bessere, weil sie sich nicht mit Nettigkeit beantworten lässt. Menschen fragen dich nur bei den Sachen um Rat, bei denen sie dir wirklich zutrauen, dass du etwas siehst, was sie nicht sehen. Das ist eine Einladung, keine Hausaufgabe — wenn du dich nicht traust, überspring es. Aber ich lasse mir nicht nehmen, es dir wenigstens einmal anzubieten.
Du sammelst jetzt Beweise, keine Selbsteinschätzung. Erzähl einfach — durcheinander, unsortiert, mit Anläufen. Das Sortieren ist mein Beruf, das Erzählen ist deiner. Und ja: Zwanzig Minuten reichen, mehr braucht das nicht.
Was du dort hineinschreibst, landet beim Anbieter der KI — schreib nur, was du dort schreiben magst.
„Ich möchte herausfinden, was ich eigentlich gut kann — aber nicht über meine Meinung, sondern über Beweise. Stell mir bitte nacheinander diese vier Fragen und warte nach jeder auf meine Antwort:
- Wofür bedanken sich Menschen bei mir, immer wieder?
- Was fällt mir leicht, wo andere stöhnen?
- Was lese, höre oder gucke ich ständig, ohne dass es jemand von mir verlangt?
- Was habe ich gemeistert, von dem ich damals dachte, ich schaffe es nicht?
Frag bei jeder Antwort einmal nach einem konkreten Beispiel nach. Zähle Familie, Haushalt und Pflege ausdrücklich als Arbeit mit.
Am Ende: Nenne mir drei Fähigkeiten, die du in meinen Antworten belegt findest, und zitiere zu jeder meinen eigenen Satz als Beleg. Bitte keine Aufmunterung und keine Komplimente — nur das, was wirklich in meinen Antworten steht."
Drei belegte Fähigkeiten, jede mit deinem eigenen Satz als Beweis darunter. Kein Etikett, das dir jemand aufgeklebt hat, sondern etwas, das du selbst gesagt hast, ohne es zu merken. Heb das auf — du brauchst es in den nächsten Kapiteln wieder.
Der letzte Satz im Kasten ist der wichtigste: keine Komplimente. KIs schmeicheln nämlich wie ein Handelsvertreter. Wenn du das nicht ausdrücklich verbietest, kommt eine Antwort zurück, bei der du dich großartig fühlst und die dir nichts nützt. Verbiete es. Sie ist nicht beleidigt, das ist ja das Schöne an ihr.